In den 20 Jahren meines spirituellen Praxiswegs mit Zen-Buddhismus und Yoga habe ich viele und ganz unterschiedliche Menschen getroffen, die mir von mystischen Erfahrungen berichtet haben: spontane bewusstseinsverändernde Erfahrungen ohne die Einnahme von psychedelische Substanzen. Darum soll es hier in dem Artikel gehen. Der schamanische Weg, mit psychedelischen Substanzen wie LSD, Psilocybin, MDMA, Ketamin, Ayahuasca usw. zu mystischen Erfahrungen zu gelangen, ist ein anderes Thema für einen eigenen Artikel.
Die Menschen, die ich getroffen habe, die mystische Erfahrungen ohne Einnahme von Substanzen gemacht haben, teilen sich in zwei Gruppen: jene, die dabei oder danach spirituelle Unterstützung von erfahrenen Lehrern und Lehrerinnen hatten, um diese Erfahrungen in ihr Leben zu integrieren. Und jene, die diese Hilfe nicht hatten. Diejenigen, die keine Unterstützung hatten, sind dann nicht selten durch erhebliches Leid gegangen. Einige wurden Patienten in psychiatrischen Einrichtungen, andere wurden spirituelle Lehrer oder Lehrerinnen. Es gibt zahlreiche persönliche Berichte von Menschen dazu auf YouTube, wenn man danach sucht.Wenn mentale Probleme durch spirituelle Praxis auftreten, dann bin ich mir mittlerweile nicht mehr sicher, ob der Psychotherapeut oder Psychologe allein helfen kann oder sollte. So manche Lebensgeschichte, die ich gehört oder miterlebt habe, zeigt mir, dass das auch ins Gegenteil kippen kann: stationäre Behandlung, schwerwiegende und das Leben prägende Diagnosen, langfristige Einnahme von Psychopharmaka. In vielen Fällen ist das für den Menschen fatal und schneidet manchmal auch den spirituellen Weg ab.
Deshalb braucht es unbedingt die erfahrene spirituelle Begleitung und die gemeinsame Praxis in einer spirituellen Gemeinschaft (der TED-Talk von Phil Borges macht das gut deutlich).
Das jüngste Beispiel in meinem erweiterten Bekanntenkreis fand ich besonders alarmierend: ein junger Familienvater, der ohne Vorbildung oder Meditationserfahrung an einem mehrtägigen Online-Retreat teilgenommen hat. Online. Allein. Vor einem Laptop. Dafür hat er sich von seiner Familie mehrere Tage separiert. Das Ende vom Lied war, dass der Mann mit einer ausgewachsenen Psychose aus diesem Retreat kam. Er hatte Wahnvorstellungen, war aggressiv, sich selbst und seiner Familie gegenüber. Seine völlig überforderte Frau musste mit den Kindern vor ihm fliehen, weil sie sich nicht mehr sicher gefühlt haben.
Wenn ich sowas höre, macht mich das wütend und traurig, weil es aktuell leider zu viele schön verpackte Online-Angebote gibt, wo mäßig erfahrene bis unerfahrene bzw. schlecht ausgebildete Personen den Online-Hype ausnutzen, um schnell Geld zu verdienen. Absolut untragbar und verantwortungslos, doch so sind die Dinge im Moment. Zu viele esoterische Heilsversprechen verkleidet als Spiritualität, von verantwortungslosen Menschen, die damit bedauerlicherweise schlicht und einfach ihren spirituellen Narzissmus ausleben.
So sehr ich die Möglichkeiten der Online-Angebote schätze, weil sie ressourcenschonend und große Distanzen überschreitend, Menschen zusammenführen können, so sehr sehe ich auch das Potenzial, dass hier notwendige menschliche Verantwortung eben nicht übernommen werden kann. Wir brauchen das echte soziale, physische Zusammensein mit anderen Menschen im Raum. Wenn man zu einem echten Meditationsretreat fährt z.B. in der Tradition des Zen oder Vipassana, dass von Menschen geleitet wird, die viele Jahre und Jahrzehnte Erfahrung damit haben, die autorisiert und ausgebildet sind, andere Menschen zu führen, dann ist das schon etwas sicherer, falls Traumata und Psychosen durch die Meditationspraxis an die Oberfläche gebracht werden. Spirituellen Alleingang im Zeitalter der Digitalisierung finde ich riskant. Der Mensch am anderen Bildschirm ist nicht im Raum mit dir und auch nicht bei dir, wenn der Bildschirm aus ist. Da bist du dann allein. Eine tiefgehende spirituelle Praxis ist auch immer ein Grenzgang ins Unbekannte. Das wird unweigerlich zu unerwarteten Erfahrungen führen, die dann integriert werden müssen. Viele Menschen haben nicht die Fähigkeiten oder das Vertrauen, dass allein zu bewerkstelligen.
„Be equal to every hindrance. Buddha attained Supreme Enlightenment without hindrance. Seekers after truth are schooled in adversity. When they are confronted by a hindrance, they can’t be over-come. Then, cutting free, their treasure is great.“
#11 from The Sayings of Kyong Ho, from THOUSAND PEAKS: Korean Zen, Tradition and Teachers by Mu Soeng (Primary Point Press, revised, edition 1991)
Jetzt könnte man sagen, dass früher auch viele Yogis, Yoginis, Tantriker, Mystiker und Zen-Praktizierende allein losgezogen sind und manche sind auch analog komplett verrückt geworden. Das stimmt, doch es gibt aus meiner Sicht, einen entscheidenden Unterschied:
Der Unterschied ist ein wesentliches Element, das vielen Menschen, die Heilung in esoterischen Online-Workshops suchen, oft fehlt: die innere Ausrichtung an etwas Größerem, ein tiefes Vertrauen, die Hingabe, die tiefe Liebe an den spirituellen Weg, die Praxis selbst. Im Buddhismus sind das zum Beispiel die drei Juwelen: Buddha (als der ursprüngliche Lehrer), Dharma (seine Lehre), Sangha (die Gemeinschaft). Im traditionellen Hatha-, Raja Yoga ist es īśvara-praṇidhāna (Patañjali-Yoga-Sūtra) was sich modern mit „Hingabe, Hingabe an das Höchste, Hingabe und Vertrauen an das Leben“ übersetzen lässt.
Wenn diese innere Ausrichtung fehlt, sehe ich eine größere Gefahr, dass Desorientierung oder mentale Probleme auftreten können, weil der Kontext fehlt, in dem schwierige und aufwühlende Erfahrungen integriert werden können. Diese Gefahr sehe ich besonders bei vielen esoterischen pseudo-spirituellen Online-Angeboten, die auf rein technische Aspekte der Meditation, der Atmenarbeit oder Energiearbeit abzielen. Die einzige Ausrichtung, die ich da oft sehe, ist eine spirituelle Profitmaximierung im Sinne des Kapitalismus: „Ich, Ich, Ich … meine, meine, meine … meine Bedürfnisse, meine Selbstoptimierung, damit ich das Maximale aus meinem Leben herausholen kann.“
Eine spirituelle Sackgasse, ohne liebevolle Hingabe. Es fehlt eine Bewusstseinskultur1, die Anbindung an etwas, das größer ist als die Identifikation mit den eigenen Neurosen. Es fehlt die Bescheidenheit und die Demut gegenüber dem großen Ganzen - darin sehe ich die größte Blockade für eine aufrichtige spirituelle gemeinschaftliche Entwicklung.
Wenn Schwierigkeiten auf dem spirituellen Weg auftauchen (und die werden auftauchen) macht es einen großen Unterschied, ob du diese Hingabe und solches Vertrauen in den Weg, die Lehrer und Lehrerinnen und die Gemeinschaft hast. Auch wenn du dann nicht sofort alles rational verstehst und einordnen kannst, fühlst du dich trotzdem gehalten.
Bhakti, Hingabe, Loslassen ist in diesem Moment entscheidend. Wenn du dieses Vertrauen hast, machst du geduldig weiter mit der Praxis und sorgst gut für dich. Du lernst Geduld zu haben und findest deinen Weg, während du ihn gehst. Das ist oft alles, was es braucht. Die alten Lehren sind klar und raten uns bei Schwierigkeiten ruhig zu bleiben und durchzugehen:
“When those who search for the Path encounter adversity, they should think to themselves, “In Countless ages gone by, I’ve turned from the essential to the trivial and wandered through all manner of existence, often angry without cause and guilty of numberless transgressions. Now, though I do no wrong, I’m punished by my past. Neither gods nor men can foresee when an evil deed will bear its fruit. I accept it with an open heart and without complaint of injustice.” The sutras say “when you meet with adversity don’t be upset because it makes sense.”
-from Outline of Practice, The Zen Teaching of Bodhidharma, translated by Red Pine
Begriff von; und der Titel des gleichnamigen Buches des Philosophen Thomas Metzinger


